Abstract
Die Jugendämter in Nordrhein-Westfalen stehen vor erheblichen Herausforderungen, die
weitreichende Auswirkungen auf den Kinder- und Jugendschutz haben. Probleme wie Per
sonalmangel, finanzielle Engpässe und eine stetig wachsende Zahl an Aufgaben und Fällen
bestehen bereits seit Jahren, spitzen sich jedoch weiter zu und führen damit zu einer immer
wachsenden Überlastung der Fachkräfte in den Jugendämtern [1]. Diese angespannte Lage
gefährdet nicht nur die Qualität der Arbeit in den Ämtern selbst, sie hat auch direkte Folgen
für die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) und den Schutz von Kindern und Jugendli
chen in diesen Einrichtungen.
1. Die zentrale Rolle der Jugendämter für den Kinder- und Jugendschutz
Das Jugendamt ist eine unverzichtbare Institution im System des Kinder- und Jugendschut
zes. Es koordiniert Schutzmaßnahmen, berät Fachkräfte und ist in Fällen von Kindeswohlge
fährdung die zentrale Anlaufstelle [2]. Die Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern und Trä
gern der OKJA ist essenziell, um frühzeitig Risiken zu erkennen, präventiv zu handeln und
im Bedarfsfall schnell und effektiv Zustände zu melden und Schutzmaßnahmen einzuleiten.
2. Die zentrale Rolle der OKJA im Kinder- und Jugendschutz
Bei persönlichen Problemlagen und Hilfebedarfen wenden sich Besuchende der OKJA an die
Fachkräfte vor Ort, von denen sie dann Unterstützung erfahren. Insbesondere für hochbe
lastete Kinder und Jugendliche stehen die Einrichtungen für Sicherheit [3]. Die Fachkräfte
sind Gewaltschutz und präventiver Arbeit verpflichtet. Sie knüpfen Netzwerke, kennen An
laufstellen, vermitteln und nehmen eine wichtige Rolle in der Begleitung betroffener junger
Menschen ein. In vielen Fällen sind ihre nächsten Ansprechpartner*innen Fachkräfte aus den
Jugendämtern, die sich bei Bedarf den Fällen annehmen. Fehlen Strukturen landen die kom
plexen und vielfältigen Problemlagen vermehrt bei den Fachkräften der OKJA statt bei den
eigentlichen Zuständigen. Sie wechseln dann von ihrer eigentlich vermittelnden Funktion zu
einer, die die Problemlagen direkt bearbeiten.
3. Folgen der aktuellen Situation für die Offene Kinder- und Jugendarbeit
Die Überlastung der Jugendämter führt zu einer Reihe von Auswirkungen. Diese betreffen
die Arbeit in den Jugendämtern wie auch andere Institutionen, mit denen sie zusammenar
beiten. Fachkräfte aus anderen Bereichen sowie betroffene Kinder und Jugendliche werden
mit ihren Problemen allein gelassen.
Für die Arbeit in den Einrichtungen der OKJA bedeutet das:
• Verzögerte Schutzmaßnahmen: In akuten Fällen von Kindeswohlgefährdung ist schnelles
Handeln notwendig. Verzögerungen, durch etwa fehlende Erreichbarkeit oder Zeitman
gel, können Risiken für betroffene Kinder und Jugendliche erheblich erhöhen.
• Ausbleiben von Schutzmaßnahmen: Unter den beschriebenen Umständen wird Kinder
schutz zur „Glückssache“. Rechtzeitige Hilfen können nicht mehr sichergestellt werden.
• Mangel an fachlicher Unterstützung: Fachkräfte der OKJA sind auf die Beratung und Un
terstützung der Jugendämter angewiesen, insbesondere in rechtlichen und komplexen
Fragestellungen. Kooperationen zwischen den Akteur*innen vor Ort sind notwendig für
einen verlässlichen Kinder- und Jugendschutz.
• Schwierigkeiten in der Netzwerkarbeit: Die enge Kooperation zwischen Jugendämtern
und Einrichtungen der OKJA, die weitaus mehr ist als die Arbeit in konkreten Fällen, ist
entscheidend für einen funktionierenden Schutzauftrag. Überlastete Ämter können diese
Zusammenarbeit nicht in der notwendigen Qualität aufrechterhalten.
• Akute Gefährdung von Leib und Seele junger Menschen: Wenn Jugendämter ihre Aufga
ben nicht erfüllen können, sind Kinder und Jugendliche gezwungen in belastenden, ge
waltvollen oder auch lebensgefährlichen Umständen zu verbleiben oder wieder in diese
hineinzugeraten. Die daraus resultierenden Folgen können gravierend sein. Sie reichen
von Verhaltensauffälligkeiten über die akute Gefährdung des physischen und psychischen
Wohls, wie zum Beispiel schwerwiegenden Traumafolgestörungen. In manchen Fällen
geht es dabei um nicht weniger als ihr Überleben.
• Überlastung der Fachkräfte der OKJA: Der Fachkräftemangel betrifft nicht nur die Ju
gendämter. Auch Einrichtungen der OKJA sind häufig unterbesetzt. Eine einzige Fach
kraft fängt dann die Bedarfe sehr vieler Kinder und Jugendliche auf. Die eigentliche pä
dagogische Arbeit und die Funktion der Weitervermittlung weichen der Versorgung
grundlegender Bedarfe und der Bearbeitung von Problemen, für die andere Strukturen
zuständig wären.
4. Der Kinder- und Jugendschutz braucht starke Strukturen vor Ort
Kinder- und Jugendschutz gelingt nur, wenn alle Akteur*innen – von den Jugendämtern bis
hin zu den Einrichtungen der OKJA – eng und verlässlich zusammenarbeiten können. Die
Institution Jugendamt ist das Rückgrat dieses Systems. Wenn die Jugendämter an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, werden Schutz- und Präventionsarbeit an der Basis – in den Ju
gendzentren und Offenen Einrichtungen – massiv erschwert. Die Gesundheit und die Leben
von Kindern und Jugendlichen werden riskiert.
5. Forderungen und Handlungsbedarf
Die AGOT NRW e.V. fordert die Landespolitik auf, angemessen auf die mangelhaften Bedin
gungen und Ressourcen in den Jugendämtern zu reagieren. Akteur*innen im Bereich der
Jugendpolitik müssen die Not der Jugendämter nicht nur wahrnehmen, sondern auch ins
Handeln kommen, um bestmöglichen Schutz für Kinder und Jugendliche zu gewähren. Kin
derschutz kann nicht nur auf gesetzlicher Grundlage stattfinden, denn zur effektiven Umset
zung braucht es sichere Strukturen und gute Rahmenbedingungen. Daher fordern wir:
• Ausbau öffentlicher Investitionen in den Kinderschutz: Es sind mehr finanzielle Mittel not
wendig, um die umfassende Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Gewaltsituati
onen sicherzustellen. Am Kinderschutz darf nicht gespart werden.
• Personelle und finanzielle Aufstockung der Jugendämter in NRW: Nur so kann die Über
lastung der Fachkräfte reduziert und die Qualität der Arbeit gewährleistet werden.
• Fachkräfteoffensive im Kinder- und Jugendschutz für NRW: Die Landesregierung muss
sich in der Verantwortung sehen den Fachkräftemangel im pädagogischen Arbeitsbereich – und damit auch den in den Jugendämtern – zu bekämpfen. Es braucht eine Fachkräfte
offensive für den Kinder- und Jugendschutz. Damit diese erfolgreich ist, müssen Arbeits
bedingungen und -belastungen kritisch unter die Lupe genommen werden.
• Ausbau präventiver Strukturen: Der beste Kinder- und Jugendschutz ist präventive Ar
beit. Nur dann sind weniger junge Menschen überhaupt von Gewalt betroffen. Daher brau
chen wir Unterstützung von politischer Seite, um präventive Strukturen und Rahmenbe
dingungen auszubauen und alle Akteur*innen im Kinder- und Jugendschutz besser zu
vernetzen.
Fazit:
Ein effektiver Kinder- und Jugendschutz kann nur gelingen, wenn die Politik Jugendämter in
ihrer Funktion wahrnimmt und diese durch konkrete Maßnahmen unterstützt, damit diese
wieder funktionsfähig werden. Fachkräfte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit brauchen
starke Partner*innen in den Jugendämtern, um ihren Schutzauftrag wirksam umzusetzen.
Daher ist es dringend notwendig, die aktuellen Herausforderungen anzugehen und die Struk
turen nachhaltig zu stärken. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen darf nicht an struktu
rellen Defiziten scheitern.
