Diversitätssensible Pädagogik in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit Positionierung der AGOT NRW e.V.

Was genau ist eigentlich gemeint, wenn wir von diversitätssensibler Pädagogik und diversitätssensibler Offener Kinder- und Jugendarbeit sprechen? Und was braucht es in der Praxis, um diese umzusetzen?

In dieser Positionierung werden die Grundsätze diversitätssensibler Pädagogik erläutert und auf die OKJA übertragen. Es wird aufgezeigt, warum wir in der OKJA eine diversitätssensible Haltung benötigen, Rahmenbedingungen für die Umsetzung gezeichnet und praktische Tipps für den Einstieg in die Auseinandersetzung für diese gegeben. …

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In einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft gewinnt die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) eine zentrale Rolle bei der Gestaltung diversitätssensibler Orte für junge Menschen. Die Anerkennung und Wertschätzung der unterschiedlichen Hintergründe, Lebensweisen und Bedürfnisse der jungen Menschen sind dabei grundlegend. Mit dieser Positionierung möchten wir Chancen und Herausforderungen diversitätssensibler Pädagogik in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit benennen und gleichzeitig Trägern sowie Fachkräften Orientierung und Anregung geben, um schließlich Kinder- und Jugendzentren zu diversitätssensiblen Räumen zu gestalten, in denen sich alle jungen Menschen willkommen, respektiert und aktiv beteiligt fühlen. 

Was ist „diversitätssensible Pädagogik“? 

Unter dem Begriff Diversität, auch Diversity (englisch), finden sich verschiedenste Konzepte.1 Das Verständnis diversitätssensibler Pädagogik der AGOT NRW e.V. bezieht sich auf jene diversitätssensiblen Ansätze, die die Vielfältigkeit der Menschen in den Mittelpunkt setzen und dabei Intersektionalität, Antidiskriminierung, Machtkritik und die Orientierung am Menschen als Individuum beinhalten.2 Dabei beruht die diversitätssensible Pädagogik auf Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit. Betrachtet werden alle persönlichen Merkmale, die eine gesellschaftliche Relevanz haben und Menschen in zugeschriebene Gruppen einteilen3 und schließlich Vielfalt ausmachen. Diversitätssensible Ansätze erkennen diese Vielfalt aktiv an, beschäftigen sich mit einem Umgang, stellen sich gegen Diskriminierung und fordern und fördern Zugänge sowie Teilhabe für Alle.4 

Diversitätssensible Pädagogik ist also kein einheitliches Konzept, sondern der Zusammenschluss verschiedener Ansätze, Theorien und Methoden, die zusammen mit den individuellen Gegebenheiten in den Einrichtungen vor Ort zur Entwicklung einer umfassenden pädagogischen Haltung führen.5 

Dabei sind mehrere Punkte zentral: 

  • Die Anerkennung und das Mitdenken von Intersektionalität. Intersektionelle Ansätze beschäftigen sich mit möglichen Mehrfachdiskriminierungen, die Menschen und Gruppen erfahren können. Bei der Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen, entstehen mögliche neue Formen, die ebenfalls Beachtung finden müssen.6
  • Ein Verständnis von Diversität auf einer persönlichen, politischen und strukturellen Ebene. Diversitätssensible Ansätze betrachten die vielfältigen Merkmale von Personen und setzen sie in ein strukturelles Verständnis, um Auswirkungen, wie Ungleichheitsverhältnisse oder (strukturelle) Diskriminierungen, zu verstehen. Sie betrachtet, an welcher Stelle soziale Ungleichheit entsteht und (strukturelle) Diskriminierung geschieht. 
  • Eine klare Haltung der Antidiskriminierung. Sowohl auf persönlicher wie auch auf struktureller Ebene ist eine klare Position gegen Diskriminierung zu beziehen und gegen diese zu handeln. Dabei ist die Reflexion der eigenen Annahmen notwendig, da Diskriminierung durch eigene internalisierte Vorurteile auch von der eigenen Person ausgehen kann. 
  • Die Anerkennung von Individualität, unabhängig zugeschriebener Gruppenzugehörigkeiten. Aus einer zugeschriebenen Gruppenzugehörigkeit lassen sich keine Eigenschaften und Bedarfe individueller Personen ableiten. Jede Person muss als Individuum mit eigenen Bedürfnissen betrachtet werden. 
  • Die Distanzierung von einem Konzept der Gleichheit. Vielfalt und daraus resultierende Unterschiede und Gegebenheiten müssen anerkannt werden, da das Ignorieren von Diversitätsmerkmalen (beispielweise im Sinne einer „Farbenblindheit“) eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen, Machtstrukturen und daraus entstehender Diskriminierung verhindert oder sogar verfestigt. 

Das Ziel einer diversitätssensiblen Pädagogik ist, im Rahmen pädagogischer Möglichkeiten, die Herstellung eines anerkennenden Miteinanders, in dem keine Person dem Zwang unterliegt, sich einer Mehrheit anzupassen. Räume werden so gestaltet, dass sie jedem*r Nutzenden Teilhabe ermöglichen und möglichst diskriminierungsarm sind. Unterschiede werden dabei nicht als etwas betrachtet, was es zu überwinden gilt, sondern als Teil einer freien und demokratischen Gesellschaft. Die Anerkennung der Vielfalt bezieht sich also nicht nur auf die Vielfalt innerhalb der Einrichtung, sondern geht auch darüber hinaus.  

Die Notwendigkeit einer diversitätssensiblen Pädagogik in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit 

Grundprinzipien der OKJA wie Freiwilligkeit, Offenheit, Partizipation, Lebensweltorientierung etc. können überhaupt erst durch die Einnahme einer diversitätssensiblen Haltung umfangreich umgesetzt werden.  

Diversitätssensible Pädagogik ermöglicht… 

  • Offenheit. Indem sie Barrieren abbaut und Teilhabe für Alle zum Ziel hat, unabhängig von Zugehörigkeiten und möglichen Benachteiligungen. Zudem wird Raum für vielfältige Lebensweisen und Perspektiven geschaffen, so dass jede*r Raum findet.  
  • Freiwilligkeit. Nur wenn Zugänge barrierearm gestaltet sind und Räume sicher für alle sind, kann wirklich über freiwillige Teilnahme entschieden werden. 
  • Lebensweltorientierung. Diversitätssensible Pädagogik reduziert Menschen nicht auf ihre vermeintlichen Zugehörigkeiten, sondern lässt Unterschiede zu und kommuniziert so offene Fragen nach Lebensrealitäten. Die Anerkennung der individuellen Lebenswelten junger Menschen schafft Voraussetzungen für bedarfsgerechte Angebote, die nicht auf äußeren Zuschreibungen beruhen. 
  • Partizipation. Die Anerkennung individueller Lebenswelten und Bedürfnisse sowie Methoden um Empowerment und Demokratiebildung ermöglichen jungen Menschen ihre eigenen Interessen einzubringen und so selbst Angebote zu schaffen,  anstatt das diese im Top-down-Prinzip entwickelt werden. Aufgabe der Fachkraft ist es, hierfür (physische) Räume bereitzustellen. 

Rahmenbedingungen für eine diversitätssensible Pädagogik in der OKJA 

Es wird sichtbar, dass die Entwicklung und Etablierung einer diversitätssensiblen Pädagogik Auseinandersetzung, Zeit und Aufmerksamkeit brauchen. Daher sind entsprechende Rahmenbedingungen und ausreichende Ressourcen zur umfassenden Ausführung nötig: 

  • Ausreichend Zeit zur Haltungs- und Konzeptentwicklung: Die Reflexion und Entwicklung einer Haltung sind zeitintensiv. Häufig sind Einrichtungen der OKJA so minimal besetzt, dass selbst die Aufrechterhaltung des Grundbetriebs zur Herausforderung wird. In diesem Fall ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung sowie konzeptionelle Arbeit kaum möglich. 
  • Zeit und finanzielle Mittel zur Wissensaneignung: Zur umfassenden Auseinandersetzung und Weiterentwicklung sind Fort- und Weiterbildungen für pädagogische (Fach-)Kräfte unabdingbar. Diversitätssensibilität beleuchtet ein breites Feld individueller und gesellschaftlicher Strukturen, die miteinander verstanden werden müssen. 
  • Vielfältige Teams: Ein divers aufgestelltes Team schafft nicht nur mehr zeitliche Ressourcen, es bildet auch die Grundlage für umfassenden Austausch und Reflexionen, in dem vielfältige Erfahrungen und Positionen geteilt werden können, die die Grundlage für diversitätssensible Arbeit bilden. Dort wo Fachkräfte auf sich allein gestellt sind, kann Reflexion und Haltungsentwicklung nur begrenzt stattfinden.  
  • Passende Räume: Ausreichend und barrierearme Räumlichkeiten sind unabdingbar, wenn OKJA wirklich für alle jungen Menschen zugänglich sein soll. Entsprechende Ressourcen zur Ausgestaltung dieser Räume sind ebenfalls notwendig. 

Etablierung und Grenzen diversitätssensibler Pädagogik: 

Diversitätssensible Pädagogik thematisiert eine Reihe (sozialer) Ungerechtigkeiten. Häufig erleben pädagogische Fachkräfte eine gefühlte Machtlosigkeit oder Überforderung, gegen diese Ungerechtigkeiten vorzugehen. Deshalb ist es wichtig zu bedenken, welche Chancen OKJA bietet, aber auch wo ihre Grenzen liegen. Denn gesellschaftliche und politische Strukturen können nur bedingt durch die OKJA – und besonders durch einzelne Fachkräfte – beeinflusst werden. Fachkräfte der OKJA haben jedoch die Möglichkeit, diversitätssensible und diskriminierungsarme Räume zu öffnen, in denen Strukturen und deren Konsequenzen sichtbar gemacht werden, um junge Menschen schließlich dazu zu befähigen, sich politisch zu engagieren und für eine gerechte Gesellschaft einzusetzen. Zudem kann sich im gemeinsamen Austausch und mit der Unterstützung von Trägern, Trägergruppen und Trägergruppenzusammenschlüssen – wie etwa der AGOT NRW e.V. – gemeinsam politisch stark gemacht werden. Fachkräfte sind keineswegs auf sich allein gestellt in ihren Einrichtungen, sondern können die Strukturen der OKJA nutzen, um gemeinsam eine diversitätssensible Praxis möglich zu machen 

Wir als AGOT NRW sehen die Entwicklung einer diversitätssensiblen Haltung als notwendig, um eine OKJA zu schaffen, in der wirklich jeder junger Mensch Möglichkeiten zur Teilhabe und Teilgabe7 hat. 

Gleichzeitig sehen wir die Komplexität, die das Thema mit sich bringt und die mangelnden Ressourcen vor Ort. Es gibt dennoch Möglichkeiten auch mit geringen Ressourcen Schritte in Richtung einer diversitätssensiblen Pädagogik zu gehen. 

Ein erster Schritt kann die Analyse der vorhandenen Kultur, Struktur und Praxis in der eigenen Einrichtung sein. Dabei geht es nicht nur um das Offenlegen fehlender oder negativer Faktoren, sondern auch explizit um das Sichtbarmachen bereits vorhandener Ressourcen und Möglichkeiten. Beispielsweise bringen die Besuchenden oft viele Impulse mit, die aufgegriffen und niedrigschwellig genutzt werden können, um die Handlungsfähigkeit der Mitarbeitenden zu erweitern und diversitätssensibles Handeln zu erproben.7  

Ein weiterer Schritt ist Vielfalt in der Nutzung von Materialien, bei der Raumgestaltung und auch in der eigenen Sprache mitzudenken und dadurch sichtbarzumachen. So kann die Diversität in der eigenen Einrichtung und darüber hinaus repräsentiert werden, so dass sich die vielfältigen Besucher*innen willkommen fühlen. 

Auch bietet die OKJA – und andere Institutionen – bereits viele Strukturen, auf die zurückgegriffen werden kann. Vernetzung und Austausch über das eigene Team hinaus, entweder mit anderen Einrichtungen des Trägers, im Sozialraum oder mit zentralen Strukturen, können Perspektiven erweitern, neue Impulse sowie bestehende Ressourcen und Anlaufstellen offenlegen. Sie ermöglichen gegenseitige Unterstützung und Solidarisierung. Dieses Vorgehen, sowie partizipative Ansätze und Methoden um Empowerment und Powersharing können dabei eigene Räume für von Diskriminierung betroffene Gruppen öffnen, in denen sich diese schließlich für ihre eigenen Bedarfe einsetzen können. Diversitätssensible Pädagogik heißt also nicht, dass alles neu gestaltet oder erfunden werden muss; auch eine Änderung der Perspektive und die genauere Betrachtung von Situationen können Anhaltspunkte für eine Auseinandersetzung mit Vielfalt sein. 

Ziel einer diversitätssensiblen Pädagogik ist es demnach nicht, das perfekte Konzept zu erarbeiten, sondern Offenheit zu zeigen, in den Austausch zu gehen, sich zu reflektieren und kritikfähig zu sein und zu bleiben. Ziel ist es jedem Menschen, der die Einrichtung betritt, in seiner vielfältigen Identität anzunehmen und zu fördern. So können in der OKJA offene Räume geschaffen werden, in denen jeder junge Mensch Chance auf Teilhabe, freie Entfaltung, Einbringen und das Erproben einer demokratischen Haltung hat und in denen sich jede*r willkommen und sicher fühlt. Nur so können wir – in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, aber auch darüber hinaus – weiterhin miteinander vielfältig sein. 

 

 

Quellen und Empfehlungen zur Weiterbeschäftigung:  

1Benbrahim, K. (Hrsg.) (2012): Diversität bewusst wahrnehmen und mitdenken, aber wie? Düsseldorf: IDA e.V. 

2Heimlich, U. & Tippelt, R. (Hrsg.) (2020): Inklusive Bildung Zwischen Teilhabe, Teilgabe und Teilsein (1. Auflage). Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH. 

3Leiprecht, R. (Hrsg.) (2011): Diversitätsbewusste Soziale Arbeit. Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag. 

4Madubuko, N. (2024): Praxishandbuch Empowerment. Rassismuserfahrungen von Kindern und Jugendlichen begegnen (2. überarbeitete und erweiterte Auflage). Weinheim Basel: Beltz Juventa. 

5Perko, G. & Czollek, L. (2022): Lehrbuch Gender, Queer und Diversity. Grundlagen, Methoden und Praxisfelder (2. Auflage). Weinheim Basel: Beltz Juventa. 

6Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung (2025) (Hg.): Momente. Alltagsorientierte politische Bildung. Neue Perspektiven für die Offene Kinder- und Jugendarbeit. Köln: Forschungsschwerpunkt Nonformale Bildung der TH Köln (https://www.th-koeln.de/mam/downloads/deutsch/hochschule/fakultaeten/f01/thkoeln_momente_handreichung_web_2025.pdf, zuletzt aufgerufen am 21.11.2025) 

7Teilgabe geht über eine Teilhabe, also ein “Dabei Sein”, hinaus und beschreibt die Möglichkeit jedes Menschen in einer Gesellschaft und in Gruppen mitzumachen, mitzuwirken, insbesondere bei Fragen die das eigene Leben betreffen, mitzugestalten (Heimlich, U. & Tippelt, R. (Hrsg.) (2020): Inklusive Bildung Zwischen Teilhabe, Teilgabe und Teilsein (1. Auflage). Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH.)