Engagiert gegen Kinderarmut
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Kinderarmut in Deutschland ist weit verbreitet. Mehr als jedes fünfte Kind gilt hierzulande als arm. Unter jungen Erwachsenen ist sogar jede*r vierte betroffen. In Großstädten und in Ballungsgebieten sind hier sogar überproportional viele Kinder und Jugendliche betroffen. In Gelsenkirchen zählen 42% der Kinder zu den Armen.
Kinderarmut ist dabei mehr als nur stark beschränkte finanzielle Mittel, auch die Bereiche Bildung, Gesundheit, Kultur und soziale Kontakte sind weitere Dimensionen der Kinderarmut. Während finanzielle Probleme mit einer entsprechenden Kindergrundsicherung zu beheben sind, bedarf es bei den anderen Dimensionen anderer Akteure. Die offene Kinder- und Jugendarbeit bietet hier Kindern und Jugendlichen zahlreiche Möglichkeiten.
Studien verschiedener Akteure wie dem Paritätischen Gesamtverband und Stiftungen wie der Bertelsmann Stiftung belegen immer wieder: Trotz vieler Lippenbekenntnisse, bleibt die Lage seit Jahren besorgniserregend schlecht. Jede*r vierte bis fünfte junge Mensch bis unter 25 Jahren gilt in Deutschland als arm bzw. armutsgefährdet.[1]
Kinderarmut bemisst sich dabei nicht nur nach den finanziellen Einkommen der Haushalte, sondern ist durch verschiedene Dimensionen geprägt.[2]
- Materielle Armut: Im materiellen Bereich spielen vor allem Wohnraum, Nahrung und Kleidung eine große Rolle.
- Kulturelle Armut: Hier sind Bildung (formell und informell), Kino-Besuche, Spiel- und Sprachverhalten wichtige Punkte.
- Soziale Armut: Fehlende Sozialkontakte und soziale Kompetenzen prägen diese Dimension der Armut.
- Psychische und physische Armut: Ein schlechter Gesundheitszustand und körperliche Entwicklungen zählen zur vierten Dimension von Kinderarmut.
Als AGOT fordern wir die geplante Einführung der Kindergrundsicherung ohne Kürzungen in anderen Bereichen der Jugendhilfe. Diese muss am Ende in der Höhe armutsverhindernd sein. Hier orientieren wir uns an den Forderungen des Bündnis Kindergrundsicherung.[3] Nur so lassen sich die armutsrelevanten Bereiche zu Hause mindern und einige negative Entwicklungen in den verschiedenen Dimensionen der Kinderarmut stoppen.
Die offene Kinder- und Jugendarbeit ist ein wichtiger Partner der Kinder und Jugendlichen im Kampf gegen Folgen von Kinderarmut und bleibt dies auch nach einer Einführung einer Kindergrundsicherung.
Offene Kinder- und Jugendarbeit mindert materielle Armut
Die offene Kinder- und Jugendarbeit ist für viele nicht nur Anlaufstelle, sondern bietet auch Rückzugsraum, der zu Hause schmerzlich vermisst wird. Hier können sich Kinder und Jugendliche mit ihren Freund*innen treffen, sich austauschen, chillen und dies auch in ungestörter Atmosphäre, ohne als störend empfundene Geschwister oder Eltern auf engem Raum zu Hause. Die offene Kinder- und Jugendarbeit ist ohne Kochangebot im Alltag kaum zu denken. Fast alle Einrichtungen bieten Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zum gemeinsamen Kochen und Essen und mindern damit auch materielle Probleme der Versorgung von Kindern
Offene Kinder- und Jugendarbeit mindert kulturelle Armut
Die offene Kinder- und Jugendarbeit ist Kulturschmiede, in der sich Kinder und Jugendliche ausprobieren können. Sie gehört zum Bereich der nonformalen Bildung. Ob beim Graffiti-Workshop, dem Hip-Hop-Projekt, dem FIFA-Turnier, der Kinder-Disco oder bei Ausflügen in Museen, ins Kino oder den nächsten Zoo. Die Angebote sind so vielfältig wie die Besucher*innen selbst und fördern die kulturelle Bildung. Und auch bei Problemen im formellen Bildungskontext Schule finden viele Kinder in der offenen Kinder- und Jugendarbeit Unterstützung: Bei der Hausaufgabenhilfe oder Projekten, bei denen sich Schüler*innen gegenseitig helfen.
Offene Kinder- und Jugendarbeit stärkt soziale Kompetenzen
Sich mit Freund*innen treffen ohne Geld ausgeben zu müssen, neue Gleichaltrige kennen lernen, in der Gruppe Demokratie und soziale Kompetenzen erlernen – das alles bietet die offene Kinder- und Jugendarbeit. Sie ist der Ort für viele Kinder und Jugendliche, um soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, egal bei welchem Wetter. Gemeinsame Erlebnisse im Alltag oder in den Ferien, im Workshop, in der Disco oder auf der Ferienfahrt – viele Ereignisse prägen Kinder und Jugendliche, an die sie sich auch noch als Erwachsene sehr gut erinnern.
Offene Kinder- und Jugendarbeit fördert psychische und physische Gesundheit
Die Vielzahl von Angeboten ist eine Stärke der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Kochen, Fußball, Schwimmen, Trampolin springen, Basketball, Skaten und vieles mehr. Abwechslungsreiche Angebote fördern die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, machen Lust auf mehr und ermöglichen neue Hobbies. Mitarbeiter*innen in den Einrichtungen haben darüber hinaus immer ein offenes Ohr für die Probleme und Sorgen der Besucher*innen. Sie hören zu, beraten auf Wunsch und greifen bei Bedarf ein. So trägt die offene Kinder- und Jugendarbeit zur psychischen Gesundheit bei und ist die beste Ergänzung, wenn es zu Hause, im Privatleben oder in der Schule mal nicht so läuft, wie es sich Kinder und Jugendliche wünschen.
Sicherung gesellschaftlicher Teilhabe
OKJA stellt Angebote zur Förderung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zur Verfügung, die sich an ihren Interessen orientieren und durch diese mitbestimmt sind. Das Mandat dazu erhält sie durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII, § 11). Durch ihren niedrigschwelligen und kostenfreien Zugang erreicht die OKJA besonders gut Kinder und Jugendliche in benachteiligten Lebenslagen und ermöglicht ihnen so die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Mit Freizeit- und Bildungsangeboten sowie Möglichkeiten zur politischen Partizipation und Demokratiebildung leistet die OKJA einen zentralen Beitrag zur gelingenden Entwicklung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen.
Armutssensible Arbeit
Armut ist für viele stigmatisierend. Kinder, Jugendliche und deren Eltern schämen sich häufig für die eigene Armut. Häufig besteht der Alltag aus Entscheidungen, wie die eigene Armut am besten verborgen werden kann und Verzicht ist ein tägliches Thema in den betroffenen Haushalten. Fachkräfte in der offenen Kinder- und Jugendarbeit sind damit täglich konfrontiert. Entsprechend gibt es zahlreiche Fort- und Weiterbildungen zum Thema, und es werden Konzepte entwickelt, wie die Arbeit armutssensibel gestaltet werden kann.
Neben der Einführung einer armutsverhindernden Kindergrundsicherung fordert die AGOT in NRW daher:
- Die Absicherung der offenen Kinder- und Jugendarbeit
- Eine Förderung der offenen Kinder- und Jugendarbeit in angemessener Höhe, um allen Kindern und Jugendlichen, unabhängig vom Geldbeutel, die Teilnahme an Angeboten, Ausflügen und Ferienmaßnahmen zu ermöglichen
- Die Schaffung armutspräventiver Infrastruktur in den Stadtteilen inklusive der barrierearmen Zugängen zur offenen Kinder- und Jugendarbeit
- Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in einer armutssensiblen Jugendhilfeplanung
[1] (Bertelsmann Stiftung 2023: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2023/januar/neue-zahlen-zur-kinder-und-jugendarmut-jetzt-braucht-es-die-kindergrundsicherung#detail-content-51a2-10)
(Armutsbericht Der Paritätische: https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Schwerpunkte/Familie_und_Frauen/img/broschuere_armutsbericht-2022_aufl2_web.pdf)
[2] (WSI: https://www.wsi.de/data/wsimit_2008_03_holz.pdf)
[3] Bündnis Kindergrundsicherung (https://kinderarmut-hat-folgen.de/)
