Stellungnahme der AGOT-NRW zum Appell an die Hochschulen und Universitäten

Jugendarbeit studieren. Zum Verschwinden eines genuinen sozialpädagogischen Arbeitsfeldes an Hochschulen und Universitäten.

(Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter)

 

Die Arbeitsgemeinschaft Offene Türen Nordrhein-Westfalen e.V. – kurz AGOT-NRW – begrüßt den Appell an die Hochschulen und Universitäten der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter für einen intensiveren Einsatz um spezifische Studienangebote im Feld der Jugendarbeit. Aus der Sicht der AGOT-NRW sind gerade hauptberuflich Tätige im Feld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit unverzichtbar, um das Arbeitsfeld innerhalb des Sozialraums qualitativ zu gestalten. „Die hauptberuflichen pädagogischen Fachkräfte bieten durch ihre methodische, konzeptionelle und wissenschaftlich fundierte Kompetenz fortlaufende Qualitätsentwicklung und -sicherung ihrer Einrichtung: sie gewährleisten Verlässlichkeit und Beständigkeit der Rahmenbedingungen sowie Zusammenhalt und Reflexion im gesamten Team der hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter/-innen.“[1]

Eine ausreichende Anzahl hauptberuflicher Fachkräfte, und vor allem die Möglichkeit der stetigen Qualifizierung müssen zu einem unerlässlichen Standard werden. Sie benötigen dies, um „nah“ am jungen Menschen zu sein und Angebote in den Einrichtungen zu gestalten, um Kinder- und Jugendliche von der Bewältigung von Alltagsproblemen hin zur Selbstbefähigung zur Gestaltung ihres Umfeldes zu unterstützen. Auch in weniger sichtbaren Arbeitsfeldern sind hauptberufliche Fachkräfte aktiv, bringen ihr Expert*innenwissen in den sozialen Dialog innerhalb des Sozialraums, sind kompetente Gesprächspartner*innen für themenspezifische Netzwerke sowie für die kommunale Jugendhilfeplanung. Im Rahmen von Bildungsprozessen sind sie Akteur*innen für Bildungslandschaften und bereichern mit ihrer pädagogischen Praxis den verengten Blick formaler, schulischer Bildungsprozesse um einen ganzheitlichen Lernbegriff.[2]

Gerade dieses Potential kann jedoch aufgrund unterschiedlicher Bedingungen vor Ort nicht immer ausgeschöpft werden. Hintergrund ist vor allem der vieldiskutierte Fachkräftemangel in der Jugendarbeit sowie in der Jugendhilfe insgesamt. In diesem Sinne stellt u.a. die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe fest, dass innerhalb der Debatte wenige wissenschaftliche Untersuchungen existieren, um einen tatsächlichen Mangel an qualifiziertem Personal zu belegen, als ein wesentlicher Faktor jedoch die immer weniger werdenden (finanziellen) Ressourcen belegbar sind[3].

Innerhalb der letzten zehn Jahre ist in der Kinder- und Jugendarbeit ein deutlicher Rückgang, bei den Einrichtungen, insbesondere in freier Trägerschaft, zu verzeichnen. Gleichzeitig erfährt die Offene Kinder- und Jugendarbeit durch die Tätigkeit der Fachkräfte vor Ort eine inhaltliche, didaktische und methodische Weiterentwicklung, z.B. im Rahmen der Mediennutzung junger Menschen, der Auseinandersetzung mit Vielfalt und Inklusion innerhalb der Gesellschaft, oder auch innerhalb der Weiterentwicklung konkreter Mitbestimmungsmöglichkeiten für junge Menschen in ihrer Umgebung.

Diese Rahmenbedingungen führen einerseits zu einer interessanten Ausdifferenzierung des Berufsfeldes Offener Kinder- und Jugendarbeit, welche den Fachkräften viele Perspektiven zur Entwicklung eines eigenen Profils gibt.  Andererseits steigen die Anforderungen und es stehen immer weniger materielle, personelle und vor allem finanzielle Ressourcen für die tägliche Arbeit zu Verfügung. „Für die Praxis der Offenen Kinder- und Jugendarbeit stehen weniger Mittel und weniger Personal zur Verfügung, gleichzeitig gestalten sich die Arbeitsbedingungen auch in Bezug auf die Arbeitsverhältnisse zunehmende prekärer“, fasst Holger Schmidt[4] zusammen.

Insbesondere trifft dieses Hauptargument in der Wahrnehmung der AGOT-NRW zu, wenn Hauptamtliche Tätige innerhalb der Einrichtung als alleinige Fachkraft agieren müssen, und alle Zugänge zur Qualifizierung und Weiterentwicklung der eigenen pädagogischen Praxis aus Gründen knapper zeitlicher Ressourcen verschlossen sind. Die beschriebenen Bedingungen sorgen dafür, dass das Arbeitsfeld Offene Kinder- und Jugendarbeit nicht nur unattraktiver wird, sondern dass Anforderungen durch unterschiedlichste Ebenen (eben nicht nur die Kinder und Jugendlichen, sondern auch deren Eltern, der Sozialraum und die Kommune) an die Fachkräfte gestellt werden, die sie nicht gleichermaßen erfüllen können.

Mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten und wenig Entwicklungsmöglichkeiten sind sicherlich weitere Argumente, weshalb immer weniger junge Menschen das Feld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit als Arbeitsfeld für sich entdecken. Wesentliche Risiken birgt jedoch die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung der Jugendarbeit insgesamt, der Offenen Kinder- und Jugendarbeit aber im speziellen. Zunächst unter der Jugendhilfe subsumiert, wird die Jugendarbeit außerdem an vielen Orten durch eine schulische Praxis vereinnahmt, welche nicht mit den Prinzipien der Offenen Kinder- und Jugendarbeit kompatibel ist.

Neben einer besseren Ausstattung der Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ist auch ein Diskurs über den Stellenwert von (Offener Kinder- und) Jugendarbeit und ihrer Perspektiven ein wesentlicher Faktor, um die Attraktivität für Studierende zu erhöhen. Es bedarf der Reflexion der pädagogischen Praxis, welche junge Menschen nicht nur „betreut“, sondern sie befähigt, sich aktiv in eine Gesellschaft einzubringen, eigene Perspektiven für die Persönlichkeitsentwicklung zu finden. Dies entspricht einer vollständigen Auslegung des SGB VIII neben der Kindertagesbetreuung und den erzieherischen Hilfen.

Für die Zielgruppe der Offenen Kinder- und Jugendarbeit bedeutet dies beispielsweise, dass es professionelle Fachkräfte braucht, die über die Bereitstellung von Angeboten und Betreuung hinaus auch einen „Vorbildcharakter haben“ und jungen Menschen eine Beziehung bieten können, sie in ihrer Selbsttätigkeit unterstützen und ihnen innerhalb der Einrichtung räumliche und zeitliche Freiräume bieten.

Eine qualifizierte Zusammenarbeit in der Hochschulpraxis und der kontinuierlicher Diskurs zwischen Wissenschaft, den Akteur*innen in der Praxis und der Politik ist dringend nötig, um die (Offene) Kinder- und Jugendarbeit schon in der (Hochschul-)Ausbildung, als attraktives Arbeitsfeld sichtbar zu machen und zu etablieren und damit dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Die Unverzichtbarkeit sowie die Wirkung der Praxis Offener Kinder- und Jugendarbeit werden in der allgemeinen Öffentlichkeit zu wenig gesehen bzw. für zu selbstverständlich erachtet und daher gesamtgesellschaftlich unterschätzt! Eine Anerkennung und Aufwertung der (Offenen) Kinder- und Jugendarbeit von Politik und Verwaltung – auf allen Ebenen – ist daher eine wesentliche Gelingensbedingung, wenn es darum geht, weiterhin qualifizierte Fachkräfte für das Arbeitsfeld zu gewinnen.

Die AGOT-NRW begrüßt somit den Vorschlag, mehr in solch einen „offenen“ Dialog zu treten und bietet sich als verlässliche Dialogpartnerin aus der Praxis und „Brückenbauerin“ in die Praxis dafür an!

 

AGOT-NRW

Der Vorstand

Düsseldorf, 23. August 2016

 

[1] AGOT-NRW: Offene Kinder- und Jugendarbeit. Programm und Positionen der AGOT-NRW, Düsseldorf, 2011; S. 11

[2] vgl. http://bildungsgestalten.de/, abgerufen am 5.7.2016

[3] vgl. Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe: Fachkräftemangel in der Kinder- und Jugendhilfe. Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe-AGJ. April 2011, S. 2 sowie S.6f.

[4] Schmidt, Holger: Die Jugendarbeit heute – Offen für alle Kooperationen? In: Arbeitsstelle Kulturelle Bildung in Schule und Jugendarbeit (Hrsg.): Kulturelle Bildung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (Werkbuch 07), Remscheid 2016, S. 21.

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