Tür auf – Kinder und Jugend jetzt!

Positionen der AGOT-NRW für eine starke Offene Kinder- und Jugendarbeit

Offene Kinder- und Jugendarbeit – das bedeutet Spaß und Spannung in Einrichtungen und mobilen Angeboten. Ein wichtiger Baustein hinter einer erfolgreichen Offenen Tür sind engagierte Jugendliche, Ehrenamtliche und hauptamtliche Fachkräfte mit Ideen, Konzepten, Programmen und Positionen.

Wir, die AGOT-NRW, laden Sie und euch dazu ein, Positionen, Ideen und Handlungshinweise der Offene Kinder- und Jugendarbeit im Rahmen dieser Seite(n) (neu) zu entdecken und sich kritisch damit auseinanderzusetzen.

Wir freuen uns, wenn Elemente dieser Veröffentlichung dazu beitragen, Offene Kinder- und Jugendarbeit weiter zu entwickeln und in der Kommune zu sichern. Darüber hinaus sind wir über Rückmeldungen, kritische Hinweise und inhaltliche Diskurse zu den vorgestellten Positionen dankbar. Viel Spaß bei der Lektüre!


Alle Möglichkeiten immer wieder gemeinsam ausloten!

Jede Einrichtung, die sich auf den Weg begibt, inklusiv zu arbeiten, muss sich immer wieder konkret mit Grenzen und Barrieren auseinandersetzen und neue Möglichkeiten zur Selbstbestimmung für die Besucher*innen schaffen. Inklusion ist nichts Fertiges, es ist der Weg, der sich stetig verändert, mit neuen Besucher*innen, neuen Mitarbeiter*innen, neuen Angeboten.  Inklusion ist das immer wieder neue Aushandeln eines WIRs – das Miteinander aller Menschen, das Teilhabe für alle ermöglicht.

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Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Mai 2009 verpflichtete sich die Bundesrepublik, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Achtung der Würde von Menschen mit Behinderung zu fördern, ihre Rechte umzusetzen und ein stärkeres gesellschaftliches Bewusstsein hinsichtlich Exklusion oder gesellschaftlicher Diskriminierung von Menschen zu schaffen (Pädagogik der Vielfalt). Positiv formuliert geht es um ein stärkeres Bewusstsein für die Rechte und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung und die Förderung ihrer gleichberechtigten Teilhabe (Inklusionsbegriff).

Seither ist Inklusion in Deutschland ein gesellschaftlicher Auftrag. Für die Offene Kinder- und Jugendarbeit ist dies grundsätzlich nichts Neues. So steht im Kinder- und Jugendförderungsgesetz – SGB VIII – in §3 (1) „Angebote und Maßnahmen (…) richten sich an alle jungen Menschen vom 6. bis 21. Lebensjahr“. Unter (3) wird im Gesetzestext sogar noch einmal darauf hingewiesen, dass auch jungen Menschen mit Behinderung Zugang zu den Angeboten gewährt werden soll. Im Aktionsplan des Landes NRW ist diese Rechtsnorm ebenfalls festgehalten. Dort heißt es: “Alle Angebote der Kinder- und Jugendarbeit sind bereits jetzt grundsätzlich offen für die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung. (…) Aus der Praxis ist bekannt, dass das Verständnis von Inklusion im Kontext der Angebote der Kinder- und Jugendarbeit bei den Trägern weit verankert ist.“ (Aktionsplan des Landes NRW S. 104 ff). Dennoch ist Inklusion für die Offene Kinder- und Jugendarbeit ein Thema und wird diese auch zukünftig verändern, denn trotz anderer gesetzlicher Vorgaben sind inklusive Angebote für Kinder und Jugendliche in diesem Arbeitsfeld immer noch nicht überall angemessen umgesetzt.

Die Pädagogik der Vielfalt ist ein von Annedore Prengel entwickeltes pädagogisches Konzept, das im Kern auf die Gleichberechtigung von Verschiedenen/m und damit auf Inklusion abzielt. Das Konzept wendet sich bewusst von der bisherigen gesellschaftlichen Auffassung von Gleichheit und Differenz ab und geht davon aus, dass Verschiedenheit normal ist. Dementsprechend sollten Vielfalt und verschiedene Lebensweisen als Reichtum aufgefasst und wertgeschätzt, sowie Menschen in ihrer Vielschichtigkeit, Einmaligkeit und Besonderheit wahrgenommen und anerkannt werden.

Der Begriff der „Inklusion“ setzt den Akzent noch stärker auf die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse. Er beschreibt eine soziale Forderung, welche durch die vollständige gesellschaftliche Teilhabe und Akzeptanz von Menschen und deren Individualität verwirklicht wird. Die Unterschiede und Verschiedenartigkeit von Menschen werden bei der „Inklusion“ zwar wahrgenommen, jedoch sind diese gewollt und erwünscht, da sie eine Heterogenität der Gesamtgesellschaft darstellen.

„Inklusion“ ist für die AGOT NRW insofern ein Prinzip, eine Leitidee, die darauf abzielt, Gesellschaft so zu gestalten, dass alle ihre Mitglieder gleichberechtigt an allen Prozessen teilhaben können – unabhängig von Nation, Kultur, Ethnie, Religion, Schicht, Sprache, Geschlecht, seelischer, emotionaler oder körperlicher Verfassung und unabhängig davon, welche Unterstützung und Hilfe benötigt wird. Inklusion ist also nicht eingeschränkt zu sehen auf die Herstellung von Chancengerechtigkeit für Menschen mit körperlichen, geistigen oder emotionalen Behinderungen. (vgl. Reich, 2012). Daher spricht die AGOT auch von einem „erweiterten Inklusionsbegriff“, der die gesamte Bandbreite des Art3 GG in den Blick nimmt.

„Inklusion“ ist für die AGOT NRW insofern ein Prinzip, eine Leitidee, die darauf abzielt, Gesellschaft so zu gestalten, dass alle ihre Mitglieder gleichberechtigt an allen Prozessen teilhaben können – unabhängig von Nation, Kultur, Ethnie, Religion, Schicht, Sprache, Geschlecht, seelischer, emotionaler oder körperlicher Verfassung und unabhängig davon, welche Unterstützung und Hilfe benötigt wird.

Ziel ist es, Gegenstände, Medien, Einrichtungen und das tägliche Miteinander (in allen Belangen/Bereichen) so zu gestalten, dass alle Menschen teilhaben können. Soziale Kompetenzen und gegenseitiger Respekt werden gefördert und ressourcen- und lösungsorientierte Ansätze und Strategien angewendet. Es geht darum, neue Angebote von vorne herein so zu gestalten, dass sie der Vielfalt gerecht werden, Diversität anerkennen, zulassen und bestehende Angebote dahingehend überprüfen. Inklusion ist eine Haltung, aus der Handlungen erwachsen. Es geht darum Barrieren und Grenzen der Teilhabe zu sehen, mit ihnen zu arbeiten und sie so zu verändern, dass Teilhabe möglich wird. Die stetige Reflexion darüber, welche Bedingungen geschaffen werden müssen und können und welche Veränderungen notwendig sind, um allen eine Teilnahme zu ermöglichen, dabei Grenzen zu erkennen und ins Verständnis aller zu bringen, ist ein zentraler Aspekt der inklusiven Arbeit. Dies geschieht mit methodischer und theoretischer Vielfalt – also individuell – unter Einbezug aller Beteiligten.

Das Miteinander unterschiedlicher Kinder und Jugendlicher ist seit jeher das alltägliche Geschäft der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Aufgrund dieser Erfahrung hat sie ein großes Potential, Inklusion zu gestalten und zu leben. Ihre Grundsätze (Offenheit, Freiwilligkeit, Partizipation, Lebensweltorientierung, Geschlechtergerechtigkeit) sind gute Gelingensbedingungen für das Miteinander verschiedener Menschen – für das immer wieder neue Aushandeln eines WIRs. Wir setzen uns dafür ein, dass jeder junge Mensch in unseren Einrichtungen seine Stärken und Fähigkeiten entwickeln kann und diese zu seinem Selbstbewusstsein und seiner Selbstwirksamkeit beitragen. Alle Besucher*innen unserer Einrichtungen sollen Möglichkeiten der Partizipation und Teilhabe haben. Wenn Kinder und Jugendliche Vielfalt von Anfang an als „normal“ kennenlernen – wenn sie in ihrer Unterschiedlichkeit von Beginn an Gemeinsames erleben – wird Vielfalt normal. „Für uns ist Inklusion kein Ergebnis, was es zu erreichen gilt. Inklusion ist ein Prozess, eine Leitidee, an der wir uns konsequent orientieren und an die wir uns kontinuierlich annähern, selbst wenn wir sie nie vollständig erfüllen können.“ (vgl. auch Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, 2011). Viele der über 1.400 Einrichtungen in freier Trägerschaft nehmen sich selber bereits als inklusiv arbeitend war. Doch dazu braucht es eine stetige, reflektierte und kommunizierte Auseinandersetzung mit dem Thema, die über ein Handeln aus dem eigenem, individuellem inklusiven Selbstverständnis hinausreicht.

Inklusion ist ein Weg, der gepflastert ist mit vielen Barrieren. Viele dieser Barrieren sind uns nicht bewusst. Dennoch schließen genau diese Grenzen und Barrieren täglich Menschen aus. Dabei spielen nicht nur bauliche Barrieren eine Rolle. Barriere ist alles, was Menschen an Teilhabe hindert. Es geht also bei Inklusion genau um diesen Umgang mit Barrieren, sich ihrer bewusst zu werden, Strukturen zu schaffen bzw. zu etablieren, die den Umgang mit den Barrieren erleichtern, diese abbauen und so Teilhabe zu ermöglichen.

Inklusion in diesem Sinne ist eine Haltung, die übertragbar auf jegliche Zielgruppen ist. Daher gehört die Entwicklung einer inklusiven Haltung, der Anerkennung von Diversität, in Aus- und Fortbildung.

Hilfestellung bieten auch zahlreiche praxisnahe Veröffentlichungen wie z.B: der „Index für Inklusion“, entwickelt vom Amerikaner Tony Booth, Bausteine „Inklusiver Jugendarbeit“ von Prof. Dr. Thomas Meyer, „Inklusion vor Ort-Der kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch“ herausgegeben von der Montags Stiftung Jugend und Gesellschaft uvm.  Wir tragen diese Haltung und geben die Erfahrungen damit auch in Richtung Landespolitik und-verwaltung weiter, um so gemeinsam Inklusion in unserem Sinne besser leben zu können.

Perspektive/Herausforderung

Inklusion ist eine unentwegte Herausforderung (vgl. Dannenbeck, in Auftrag Inklusion, Aktion Mensch, 2015).

Wir als AGOT NRW werden uns auch perspektivisch mit diesem Thema weiter befassen. Grundlage unseres Handelns ist dabei der erweiterte Inklusionsbegriff.

Als spannend betrachten wir die Fragestellung, wie unsere Gesellschaft mit dieser inklusiven Vielfalt umgehen wird. Tony Booth, der den Begriff der Inklusion geprägt hat, sagt selber: „Inklusion ist keine weitere Innovation in der langen Reihe neuer Konzepte und Modelle im Bildungswesen – einer Mode gleich – die überall Anwendung findet und wieder von der Bildfläche verschwindet. Inklusion ist ein umfassendes Konzept, das alle Formen von Benachteiligung, Ungleichheit und Diskriminierung zu verändern sucht. Es geht im Kern um die Frage nach dem „Wie“ des menschlichen Miteinanders.“ (Vgl. Inklusion als Banyanbaum – Tony Booth in Köln) unter dem Vorzeichen des „Möglichmachens“. Kann Inklusion also die Schlüsselstrategie für die Weiterentwicklung des sozialen Miteinanders sein, für das immer wieder neue Aushandeln eines WIRs?!

 

Literaturliste:

Aktion Mensch (Hrsg.): Auftrag Inklusion, Febr. 2015

Dorrance, Carmen/Dannenbeck, Clemens (2011) Editorial zum Heftthema „Inklusion braucht Strukturwandel“ in: Zeitschrift für Inklusion; Heft 4/2011, http://www.inklusion-online.net/; Zugriff 05.11.2012

Die Landesregierung NRW (Hrsg.): Aktionsplan der Landesregierung. Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. „Eine Gesellschaft für alle – NRW inklusiv“; Düsseldorf 2012

Knauf, Helen „Inklusion als Banyan-Baum – Tony Booth in Köln; http://www.helen-knauf.de/inklusion-als-banyan-baum-tony-booth-in-koln/

LVR und LWL (Hrsg.) Jugendförderung erfolgreich inklusiv – eine Arbeitshilfe, Dezember 2016

Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft (Hrsg.): Inklusion vor Ort – Der kommunale Index für Inklusion – ein Praxishandbuch. Bonn 2011

Meyer, Thomas; Kieslinger, Christina: Index für die Jugendarbeit zur Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung, Okt. 2014 (Hrsg.: Institut für angewandte Sozialwissenschaften (ifas) an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart)

Oskamp, Anke: Inklusion in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit; Hrsg.: LAG Kath. OKJA NRW

Reich, K. (2012) in: Dezernat für Bildung, Jugend und Sport, Stabsstelle Integrierte Jugendhilfe- und Schulentwicklungsplanung und Amt für Schulentwicklung (Hrsg.): Inklusionsplan für Kölner Schulen, Entwicklung inklusiver Bildungslandschaften in Verantwortungsgemeinschaft von Stadt und Land; Köln