OKJA Digital- Neue Räume der Mitbestimmung in digitalen Lebenswelten: Chancen und Herausforderungen
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Ausgangssituation: JIM-Studie aus 2024
Offene Kinder- und Jugendarbeit versteht Digitalität als Bestandteil jugendlicher Lebenswelten – nicht als Zusatz, sondern als Handlungsraum, in dem Beziehungen, Bildung und Beteiligung in gleicher Weise stattfinden wie offline. Die große Bedeutung von Digitaltechnik für die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) ergibt sich allein aus der Tatsache, dass digitale Medien einen wesentlichen Bestandteil der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ausmachen. Wie die JIM-Studie aus dem Jahr 2024 zeigt, verfügen fast alle Jugendlichen über ein eigenes Smartphone, das auch mehrmals täglich genutzt wird. Die rasanten Entwicklungen von immer neuen Medientechniken und Kommunikationsplattformen für junge Menschen bedürfen einer stetigen Überprüfung dessen, was OKJA leisten und auch fordern kann. Zwei der wichtigsten Prinzipien digitaler Medien für die Offene Kinder- und Jugendarbeit sind die Orts- und Zeitunabhängigkeit sowie der Wandel der Kommunikationsweisen. Einrichtungen der Offenen Arbeit, die überwiegend in stationären Räumen arbeiten, brauchen Wege, digital mit einzelnen Kindern und Jugendlichen und Cliquen zu kommunizieren. Dies gelingt über Plattformen, die Interaktion und Teilen („sharing“) sowie Zusammenarbeit und Teilhabe ermöglichen. Junge Menschen für den Besuch von Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zu motivieren, ist die Verbindung von analogen und digitalen Welten über emotionale Brücken: Die Einrichtungen sind nicht nur dadurch attraktiv, indem junge Menschen sich dort selbst frei, wohl und akzeptiert fühlen – sie haben dann einen besonderen Reiz, wenn sie Jugendlichen Gestaltungsmöglichkeiten auch im Internet und für die Verwendung digitaler Medien bieten.
Neue Formen einer barrierefreieren digitalen Mitbestimmung
Mit und insbesondere durch digitale + hybride Tools werden neue Formen der Mitbestimmung möglich. Digitale Tools ermöglichen eine schnelle und unkomplizierte Beteiligung an Entscheidungen: So zum Beispiel über Online-Umfragen oder digitale Abstimmungen. Ebenso haben junge Menschen die Chance eigene Videos, Podcasts oder Social-Media-Posts zu produzieren, um ihre Themen öffentlich zu platzieren. Die Stimme und Sichtbarkeit der Bedarfe junger Menschen wird dadurch gestärkt und die Teilhabe an demokratischen Prozessen gefördert.
Gleichzeitig eröffnen sich stets neue kreative Möglichkeiten: Im Bereich Musik, Gaming, Film oder digitaler Kunst. Junge Menschen lernen, Medien nicht nur zu konsumieren, sondern aktiv und selbstbestimmt zu gestalten.
Damit ist auch die Chance verbunden, Inklusion und Teilhabe zu fördern. Digitale Medien können Barrieren abbauen, indem sie z.B. Übersetzungen (viele Plattformen und Websites bieten, automatische Übersetzungsfunktionen an) ermöglichen und/oder barrierefreie Zugänge schaffen. So können auch Menschen aus z.B. Kommunen mit eingeschränkten Ressourcen oder dem ländlichen Raum mit geringerer Infrastruktur an Angeboten teilhaben, die ansonsten ggf. verwehrt blieben. Digitale Teilhabe versteht die AGOT NRW als Kinderrecht. Die AGOT NRW fordert daher, dass jedes Kind und jede*r Jugendliche unabhängig von Herkunft, Einkommen, Geschlecht oder Behinderung Zugang zu digitalen Beteiligungsräumen hat, wie es auch die Artikel 12 und 17 der UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK) begründen.1
Der Einfluss der Covid-19-Pandemie auf die Rolle Sozialer Medien
Die Covid-19-Pandemie hat die Auseinandersetzung mit der digitalen Jugendarbeit innerhalb der Offenen Kinder- und Jugendarbeit enorm beschleunigt. War der digitale Aspekt des Arbeitens schon länger ein Querschnittsthema der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, so ist dieser nun spätestens mit dem ersten Lockdown im Frühling 2020 ein fixer Bestandteil des Arbeitsalltags aller Jugendarbeiter*innen geworden. Neben unzähligen, vielfältigen digitalen Angeboten wurden ganze digitale Jugendzentren aufgebaut und umgesetzt, die zum Teil bis heute weiter existieren. Wir können in der Zeit der Pandemie regelrecht von einem Digitalisierungsboom sprechen, der das Arbeitsfeld nachhaltig verändert hat. Nicht zuletzt durch diese digitale (Weiter-)Entwicklung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit konnte das Arbeitsfeld erneut unter Beweis stellen, wie jugendgerecht, flexibel und krisensicher es ist und damit seine gesellschaftliche Relevanz verdeutlichen.
Dennoch gilt es auch darauf hinzuweisen, dass mit der schnellen Notwendigkeit eines Umstiegs in den digitalen Raum einige Herausforderungen einhergegangen sind. Nicht alle Kinder und Jugendliche hatten Zugang zu Endgeräten (Smartphones, Tablets, PCs) oder stabilem Internet und so waren besonders Jugendliche aus sozioökonomisch herausfordernden Lebenslagen von digitaler Ausgrenzung betroffen, und hatten wenig bis gar keine Teilhabemöglichkeiten. Auch galt es zu berücksichtigen, dass nicht alle Fachkräfte der OKJA mit digitalen Tools vertraut waren. Sie mussten sich schnell einarbeiten und neue Formate entwickeln. Eine zentrale Stärke der OKJA ist die persönliche, niederschwellige Beziehungsarbeit. Die ausschließlich digitale Begegnung machte es schwerer, Vertrauen aufzubauen oder Beziehungsabbrüche zu verhindern. Es fehlten physische Begegnungen, echte Gesprächsgelegenheiten und andere nonverbale Auseinandersetzungssmöglichkeiten.
Trotz des digitalen Wandels und der Erfahrungen zur Pandemiezeit bleiben die Aufgaben der Offenen Kinder- und Jugendarbeit im Kern die gleichen: Nämlich Kinder und Jugendliche bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu begleiten und zu unterstützen. Durch das Internet als schier unerschöpfliche Quelle von Informationen, (Halb-)Wissen und Möglichkeitsräumen entstehen vielfältige digitale Jugendkulturen. Alle Jugendlichen haben gleichwohl gemein, dass sie auf der Suche nach Intensitäts-, Ganzheits- und Subjektivitätserfahrungen sind – auch im Netz.2 Fachkräfte der Offenen Kinder- und Jugendarbeit haben den Auftrag, Freiräume für diese Erfahrungen anzubieten. Sie können darüber hinaus junge Menschen bei der Entwicklung medialer Schlüsselkompetenzen unterstützen: Orientierung, Bewertung, Empathie, Verantwortung und Selbstbewusstsein gehören gleichermaßen zur kritisch-reflexiven Bewältigung des Offline- wie des Online-Alltags.
Kinder und Jugendliche im Einfluss sozialer Medien –
Medienkompetenz und Datenschutz
Fact-Sheet
- Fake News: 61 % der Jugendlichen begegneten im letzten Monat Fake News – ein kontinuierlicher Anstieg im Vergleich zu 2021 (42 %) und 2023 (58 %)3
- Weitere problematische Inhalte: Beleidigende Kommentare (57 %), extreme politische Ansichten (54 %), sexuelle Belästigung online (fast 30 %), v. a. auf Social Media-Plattformen4
- News-Avoidance: Obwohl 83 % grundsätzlich Interesse an Nachrichten zeigen, fühlen sich etwa zwei Fünftel durch negative Nachrichten belastet. 32 % weichen ihnen gelegentlich aus, 8 % sogar oft
Die Lebenswelten von jungen Menschen sind heute maßgeblich von digitalen Medien geprägt. Kinder- und Jugendliche werden ständig, ungefiltert Beeinflussung und der hohen Informationsdichte ausgesetzt – Doch was macht das mit Kindern- und Jugendlichen? Besonders soziale Netzwerke haben einen erheblichen Einfluss auf ihre Meinungsbildung, die Selbstwahrnehmung und das soziale Miteinander. Algorithmen und Trends platzieren vermeintliche Normen, erzeugen Druck zur Selbstinszenierung und beeinflussen das Konsumverhalten. Dies wird verstärkt durch das bewusste Bewerben unterschiedlichster Produkte aus den Kategorien Kosmetik, Mode, Fitness und Lifestyle durch Influencer*innen/Content-Creator*innen. So formulieren immer mehr Kinder und Jugendliche den Wunsch selbst einmal als Influencer*innen zu arbeiten. Die idealisierte Darstellung von Körpern beeinflussen dabei das Körperbild junger Menschen zunehmend. Darüber hinaus wirken digitale Plattformen zunehmend auch als Räume politischer Einflussnahme, denn Inhalte werden gezielt reproduziert und gesteuert und teils manipulative Narrative und Erzählungen als einfache Antworten platziert. Dadurch werden die Lebensweltorientierung und Haltung junger Menschen subtil geprägt.
Digitale Medien bergen ein großes Risiko im Kontext sexualisierter Gewalt. Täter*innen können gezielt und leicht Kontakt über Gaming-Plattformen, Dating-Apps und soziale Netzwerke mit Kindern und Jugendlichen aufnehmen (Cybergrooming). So können auch im digitalen Raum Abhängigkeiten und soziale Bindungen geschaffen werden, um Betroffene zu sexuellen Handlungen aufzufordern. Gleichzeitig besteht für Kinder und Jugendliche die Herausforderung Risiken frühzeitig zu erkennen und Grenzen zu setzen. Die Angst vor Bloßstellung vergrößert die Hürden sich Hilfe und Unterstützung zu suchen.
Der Medienkompetenzrahmen, der sich in erster Linie an Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte der schulischen Bildung richtet, kann als ein Beispiel zum Umgang mit Medien von/für Kinder- und Jugendliche verstanden werden. Er hat zum Ziel, erforderliche Kompetenzen für junge Menschen zu kategorisieren, um sich sicher(er) in der digitalen Welt zu bewegen. Das im Medienkompetenzrahmen NRW verankerte schulische Bildungsverständnis ist für die Offene Kinder- und Jugendarbeit in seiner Struktur nicht direkt anschlussfähig. Dies betrifft insbesondere die Kernprinzipien Freiwilligkeit, Lebensweltorientierung und informelle Lerngelegenheiten der OKJA. Gleichwohl sind die sechs Kompetenzdimensionen (wie z.B. Bedienen & Anwenden sowie Kommunizieren & Kooperieren) hochgradig relevant und am Puls der Zeit. Sie erfassen die aktuellen digitalen Herausforderungen und Chancen der jungen Menschen. Die zentrale Aufgabe der OKJA liegt damit in der didaktischen und methodischen Übersetzung dieser zeitgemäßen Themen, welche dem eigenen, prozessorientierten Bildungsverständnis folgend in jugendgerechte, partizipative Angebote überführt werden müssen.
Der Schutz personenbezogener Daten spielt in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit eine weitere Schlüsselrolle, insbesondere mit Blick auf die digitale Lebenswelt junger Menschen. Kinder und Jugendliche bewegen sich täglich und selbstverständlich in sozialen Netzwerken, Messenger-Diensten und digitalen Spielwelten – oft ohne die Tragweite ihrer Datenspuren einschätzen zu können.
Die Offene Kinder- und Jugendarbeit hat daher die Aufgabe, Räume zu schaffen, in denen digitale Kommunikation und Teilhabe unter sicheren Bedingungen möglich sind. Datenschutz bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur die Einhaltung rechtlicher Vorgaben, sondern auch die Stärkung der digitalen Selbstbestimmung und der Medienkompetenz junger Menschen. Er bildet die Grundlage dafür, Vertrauen aufzubauen, Risiken sichtbar zu machen und gemeinsam Strategien für einen reflektierten Umgang mit persönlichen Daten im digitalen Alltag zu entwickeln.
Was kann OKJA konkret bieten?
Durch die Stärkung von Medienkompetenz kann die Offene Kinder- und Jugendarbeit Wissen über Cybergrooming-Strategien vermitteln und Kinder und Jugendliche ermutigen, Grenzen zu setzen und Hilfe zu suchen. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit leistet damit einen unverzichtbaren Beitrag zur Prävention von (sexualisierter) Gewalt in digitalen Räumen und Resilienzförderung. Die Schutzrechte von jungen Menschen stehen im Mittelpunkt.
Die Offene Kinder- und Jugendarbeit kann im Kontext von Datenschutz und digitaler Lebenswelt einen wichtigen Beitrag leisten. Sie schafft niedrigschwellige Bildungsangebote, in denen Kinder und Jugendliche praxisnah erfahren, wie sie ihre Privatsphäre im Netz schützen und ihre digitalen Spuren reflektieren können. Darüber hinaus bietet sie geschützte Räume, in denen junge Menschen über ihre Erfahrungen mit Social Media, Gaming oder Messenger-Diensten sprechen und gemeinsam Strategien für einen verantwortungsvollen Umgang entwickeln. Als Vorbild zeigt die OKJA, wie datenschutzsichere Kommunikation aussehen kann, und stärkt gleichzeitig die digitale Selbstbestimmung der Jugendlichen durch partizipative Projekte. Durch medial gestärkte Fachkräfte kann den jungen Besucher*innen ein geschützter Zugang ermöglicht werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Soziale Medien sowohl Werkzeug als auch Thema in der OKJA sind. Sie ermöglichen die Erreichbarkeit von jungen Menschen, fördern Beteiligung und stärken die allgemeine Medienkompetenz. Dennoch verlangen sie aber auch einen reflektierten und datenschutzsensiblen und pädagogisch fundierten Nutzen und Umgang.
Forderungen der AGOT-NRW zum Thema Soziale Medien in der OKJA
Damit Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit dem dargestellten Anspruch nachkommen können, braucht es klare politische Rahmenbedingungen und eine verlässliche Unterstützung. So müssen alle Jugendzentren über eine digitale Infrastruktur verfügen. Dies impliziert stabile Internetzugänge, mobile Endgeräte welche datenschutzkonform sind. Durch die rasanten Entwicklungen der digitalen Welt ist eine kontinuierliche Weiterbildung in den Bereichen Medienpädagogik, digitale Jugendarbeit und Datenschutz für Fachkräfte notwendig. Social Media eröffnet neue Räume für die Beteiligung junger Menschen. Die Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit müssen die Möglichkeit haben, junge Menschen dabei zu unterstützen ihre Themen öffentlich sichtbar zu machen, eigene Inhalte zu erstellen und digitale Formen der Beteiligung zu entwickeln. Dazu braucht es gezielte Förderprogramme.
Die Offene Kinder- und Jugendarbeit benötigt zeitliche und personelle Ressourcen, um das Thema Digitalisierung auch konzeptionell zu begreifen. Hierzu gehören die reflexive Auseinandersetzung der haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden ebenso dazu wie die Möglichkeit, Digitalisierung für die Gestaltung der Räume und der pädagogischen Settings zu denken, z.B. in konkreten Projekten zu Themen wie Kommunikation in Social Media oder Chancen und Grenzen zum Einsatz von KI. Es braucht daher verbindliche Qualifizierungs- und Austauschstrukturen, in denen Fachkräfte sich zu digitaler Bildung, Datenschutz und KI kontinuierlich professionalisieren können. Auch Fortbildungen hierzu müssen als Arbeitszeit anerkannt und finanziert werden. Darüber hinaus braucht es Räume der Aushandlung mit den Besucher*innen, wie Medien wann und unter welchen Bedingungen genutzt werden und wie der Schutz der personenbezogenen Daten aller Besucher*innen gewahrt werden kann.
Abschließend gilt es auch im digitalen Raum Barrieren abzubauen. Die AGOT fordert eine gesicherte digitale “Grundversorgung” für Kinder und Jugendliche: Kostenfreier Zugang zu WLAN in den Jugendzentren, Unterstützung bei der Ausstattung mit Endgeräten und barrierefreie digitale Angebote. Die Digitalisierung der OKJA muss in die kommunale Grundförderung (Technik etc.) übergehen. Daher fordert die AGOT auf Landesebene eine stabile zusätzliche Projektförderung
Ausblick
Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsszenario mehr, sondern Teil der Lebensrealität von jungen Menschen. Für die OKJA bedeutet das: KI darf nicht nur als Werkzeug verstanden werden – sondern als Anstoß für kreative Teilhabe, strukturierte
Weiterführende Literatur, Fortbildungen und Ansprechpartner*innen:
- Fachstelle für Jugendmedienkultur NRW
- https://fjmk.de/
- Freizeit Finder
https://www.freizeit-finder.com/
- Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur
- jfc Medienzentrum e.V.
- JIM-Studie 2022 – Jugend, Information, (Multi-) Media https://www.mpfs.de/studien/jim-studie/2022/
- Digitale Jugendarbeit
[1] (vgl. JIM Studie 2022).
[i] Hugger 2010: 9f.
